Aufgaben und Zielsetzung

Abstinenz keine Lösung für jeden Alkoholkranken

Mettelberg RosenfelsAbb: Mettelberg Rosenfels

Wir haben es mehrheitlich mit Menschen zu tun, bei denen Entziehungskuren und therapeutische Maßnahmen nicht zu dem erwünschten Erfolg – völliger Verzicht auf Alkohol - geführt haben. Wir halten es auch für sehr unwahrscheinlich, dass es überhaupt möglich ist, allen 10 Millionen Alkoholsüchtigen in Deutschland eine wirkungsvolle Therapie im Sinne der absoluten Abstinenz zu vermitteln. Für Alkoholkranke, die nach mehreren Therapieversuchen nicht von der Sucht gelöst werden können gibt es im Prinzip drei Wege:

  1. Sie gehen in eine geschlossene Anstalt und werden somit zwangsweise vom Alkohol gelöst.
  2. Sie verbleiben im gewöhnlichen Leben und damit eigenständig, aber sie verkommen in körperlicher, geistiger und sozialer Hinsicht immer mehr.
  3. Sie gehen in ein offenes Pflegeheim (wie Rosenfels), in dem bei der Aufnahme keine Motivation oder Erklärung seitens des Alkoholkranken verlangt wird, dass völlige Abstinenz zu erreichen ist.

Die Gesellschaft muss sich darauf einstellen - und hat es teilweise schon getan- mit Süchtigen zu leben, aber sie als Kranke nicht einfach ihrem Schicksal zu überlassen, sondern möglichst so zu behandeln, dass sie- auch mit ihrer Sucht – ein menschenwürdiges und sinnerfülltes Leben führen können.

Kontrolliertes Trinken mit dem Ziel der angepassten Reduzierung

Mettelberg RosenfelsAbb: Mettelberg Rosenfels

Mit der Aufnahme eines Alkoholikers in Rosenfels beginnt für diesen eine neue Lebensgestaltung. Er muss lernen sein Leben neu zu ordnen. Dies ist ein radikaler und ein komplizierter Umlern- und Umgewöhnungsprozess, den er aus eigener Kraft nie schaffen würde. Es wird die (wenn auch nicht gemeisterte) Selbständigkeit aufgegeben und der Umstieg auf ein festgelegtes, geordnetes Heimleben verlangt, d. h. Tagesablauf mit regelmäßigen Essenszeiten, persönliche Hygiene, Anpassung an Normen des Zusammenlebens mit Rücksichtnahme auf andere Bewohner des Heimes, Teilnahme an Beschäftigungen, Pflichten, Einhaltung von Verboten, ... Mit einer Fokussierung auf die Abstinenz bei der Heimaufnahme würde der Zugang zum Alkoholkranken noch zusätzlich sehr erschwert bzw. unmöglich. Für den bereits definierten Typ von Alkoholiker werden dann Vorsätze unrealistisch, Versagen und Rückfall wahrscheinlich. Sie können nicht geheilt werden, sondern nur lernen, mit ihrer Krankheit sinnerfüllt zu leben, und zwar unter den Bedingungen eines offenen Pflegeheims.

Wir gehen davon aus, dass unser Heim für die meisten unserer Bewohner die letzte Station ist. Das erscheint im ersten Moment sehr hart, ist aber eine realistische Aussage, vor allem wenn man die vorausgegangenen Lebensumstände unserer Bewohner bedenkt. Damit ist auch klar, dass Rosenfels keine Rehabilitationseinrichtung ist, sondern Sinn und Zweck unseres Heimes ist es Alkohol zu reduzieren, um Gesundheitsschäden zu minimieren und vor allem unseren Bewohnern ein sinnerfülltes Leben zu bieten in dem der Alkohol zwar weiterhin eine Rolle spielt, aber nicht die Hauptrolle.

Für viele stellt sich nun die Frage, ob dosiert ausgegebener Alkohol auf dem Weg zu einem sinnerfülltem Leben eine vernünftige Lösung sein kann. Die Meinungen gehen dabei weit auseinander. Festzustellen ist, dass es keine allgemeingültige Lösung für jeden Alkoholiker gibt. Wir haben für unser Heim die Erfahrung gemacht, dass es für unsere Bewohner schon ein großer Fortschritt und die Aufwertung des eigenen Ichs bedeutet, wenn sie ihren Alkoholkonsum deutlich reduzieren und dadurch neue Lebensqualität erreichen.

Der Drang nach Selbstbestimmung bleibt auch bei chronisch mehrfach geschädigten Alkoholikern erhalten. Die Fremdbestimmung im Heim zwingt zu Verhaltensweisen, die objektiv für den Klienten günstig sind, aber subjektiv jedoch als Entzug von Freiheit erlebt werden kann. In diesem Zusammenhang muss auch das kontrollierte Trinken eingeordnet werden.

Die Kontrolle umfasst:

  • Der Bewohner darf gegen Bezahlung täglich eine festgelegte Alkoholmenge für sich besorgen. Dabei gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten: Zuteilung des Alkohols in Naturalform (z.B. 3 x 1 Flasche Bier nach den Mahlzeiten, die Obergrenze liegt bei 5 Flaschen Bier täglich) oder die Zuteilung einer Geldmenge als Wertausdruck für eine bestimmte Alkoholmenge.
  • Die Wirkung des limitierten Konsums wird vom Personal durch Verhaltensbeobachtung eingeschätzt. ( kommt der Bewohner mit dieser Menge gut zurecht , kann evtl. weiter reduziert werden, auf keinen Fall wird die Alkoholmenge erhöht. Bei neu aufgenommenen Bewohnern wird auch besonders auf Entzugserscheinungen/Delirium geachtet.)
  • Natürlich werden auch die Auswirkungen auf die körperliche Situation medizinisch überprüft und hinterfragt.

Kontrolliertes Trinken ist also vorwiegend fremdbestimmt. Zwangsläufig auch durch die permanente Geldknappheit der meisten Bewohner. Das Taschengeld von ca. 90 € monatlich ist schnell aufgebraucht, vor allem wenn der Bewohner auch noch Raucher ist. Außerdem müssen aus diesem Betrag noch weitere Ausgaben wie z.B. für den Friseur beglichen werden. Der Selbstbestimmung sind also Grenzen gesetzt. Wir sind der Ansicht, dass diese Auseinandersetzungen förderlich sind für eine neue Sichtweise zum eigenen Alkoholkonsum.

Fazit

Das Konzept ist für uns ein Kompromiss im Rahmen des unendlichen Themas „Gesellschaft und Alkohol“. Dieser Kompromiss bedeutet den Verzicht auf eine x-fache aussichtslose Therapie mit dem Ziel der angepassten Alkoholreduzierung und damit zugleich die Verhinderung des Verkommens in der „Gosse“. Insgesamt hat sich das Konzept des fremdbestimmten kontrollierten Trinkens in den Jahren seit entstehen der Einrichtung bewährt. Natürlich wollen und können wir nicht verschweigen, dass es gelegentlich zu Rückfällen kommt und jemand angetrunken oder betrunken aufgefunden wird. Das ist sehr bedauerlich, aber immer noch besser, als wenn er im eigenen Umfeld total abrutscht. Rückfälle werden prinzipiell mit dem Betroffenen ausgiebig behandelt, dabei wird der Weg zu einem Neubeginn geöffnet. Wenn dadurch wieder ein längerer Zeitraum der Beherrschung erreicht wird, sollte das als Erfolg gewertet werden. Prinzipiell darf kein Klient des Heimes verwiesen werden, außer er stört das Heimleben so, dass ein Zusammenleben unmöglich wird ( ständige Trunkenheit, Aggressionen, usw.) Das klingt hart, aber es müssen Grenzen erkennbar bleiben.

Zusammenfassend ist aus unserer Erfahrung heraus zu sagen, dass Alkoholkranke mit dem kontrollierten Trinken zu einem sinnerfüllten Leben gelangen können und durch unterstützende Pflege meist ihren Gesundheitszustand stabilisieren oder gar verbessern können.

Aktivierende Pflege

Wir betreuen unseren pflegebedürftigen Bewohner nach den Grundsätzen der aktivierenden Pflege. Es wird versucht ihn soweit als möglich, aktiv an den Verrichtungen des täglichen Lebens zu beteiligen. Dabei gilt: So viel Hilfe wie nötig, so viel Selbständigkeit wie möglich!

Schon bei der Aufnahme informieren wir uns aus diesem Grund über die persönlichen Pflegebedürfnisse und Probleme. Mittels dieser ersten Informationen können wir angemessene Hilfestellungen bei allen Verrichtungen geben. Ziel der pflegerischen Unterstützung ist es die Eigenständigkeit des Bewohners zu erhalten bzw. soweit wie möglich zurückzugewinnen. Bei Bewohnern die nicht mehr an der Arbeitstherapie teilnehmen können, reicht die aktivierende Pflege je nach Krankheitsstadium (Mobilitätsverlust)von z. B. unter Anleitung selbständig das Gesicht waschen bis hin zum gemeinsamen Betten beziehen. Dies wird von einer professionellen Pflegefachkraft individuell festgelegt und ständig aktualisiert. Um alle, selbst schwer immobile Bewohner, zu kleinsten Aktivitäten zu motivieren, werden Motivationsverstärker von Lob, Bestärkung bis zu kleinen Gutscheinen für kleine Ausflüge eingesetzt. Wobei materielle Werte nur sehr sparsam angewandt werden, da die psychosoziale Stärkung und Anerkennung (Selbstbestätigung) im Vordergrund steht. Lob und Anerkennung durch andere sollen für den Bewohner nicht der einzige Antrieb für seine Aktivitäten sein, sondern viel mehr das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Im Vordergrund steht die Stärkung des Selbstwertgefühls durch den Bewohner selbst und nicht durch ständige, berechenbare Belohnung.

Arbeitstherapie
Vielfältige Möglichkeiten der Arbeitstherapie

Im folgenden möchten wir nun einen kurzen Einblick auf die verschiedenen Möglichkeiten der Arbeitstherapie in unserer Einrichtung geben. Die wenigsten der Bewohner können einzelne Aufgaben selbständig bzw. eigenverantwortlich durchführen, deswegen ist es wichtig, dass egal in welchem Bereich immer eine betreuende und anleitende Person zur Verfügung steht.

Landwirtschaft

  • Versorgung des Jungviehs (vor allem bei der morgendlichen und abendlichen Fütterung)
  • Fütterung der Schweine
  • Stroh und Heu bereitstellen
  • Hilfestellung beim Umquartieren der einzelnen Tiere z. B. in andere Ställe oder zur Vorbereitung des Melkens der Kühe im Wartehof
  • Unterstützung bei der Ernte und bestellen der einzelnen Flurstücke die per Maschinen nicht bearbeitet werden können, Baumstücke pflegen, Unkraut jäten auf dem Kartoffelacker usw.

Garten

  • Blumen aussäen und je nach Saison zur Dekoration der Einrichtung arrangieren
  • Gemüseanbau für den Bedarf der Gemeinschaftsverpflegung und der einzelnen Kochgruppen
  • Bestücken einzelner voneinander getrennter Beete, ohne Hilfe sondern eigenverantwortlich
  • Mithilfe bei der Pflege der Außenanlage

Hauswirtschaft

  • eigenes Zimmer oder Bereich selbständig in Ordnung halten
  • Betten je nach Möglichkeit selbst beziehen zumindest abziehen wenn das Schild zum Betten abziehen morgens an der Türe hängt
  • Eindecken im Speisesaal für alle Bewohner (wöchentlicher Wechsel)
  • Holz holen
  • Müllsäcke zur Sammelstelle bringen
  • Wäschesäcke zur Zentralwäscherei bringen
  • Wäsche bügeln , mangeln, zusammenlegen
Ziele der Arbeitstherapie

In jeder Beschäftigung verfolgen wir das Ziel , im Heim ein sinnerfülltes Leben, dass sich nicht mehr nur um den Alkohol dreht, zu organisieren. Jeder Mensch braucht eine Perspektive. Er soll das Heim als sein neues Zuhause akzeptieren und die Beschäftigung als persönlich bedeutsam erleben. Das Gefühl durch seine Arbeit wieder nützlich zu sein, ist ein ganz besonderes Erlebnis für unsere Heimbewohner. Deswegen versuchen wir auch jeden zu aktivieren, dem es aus körperlicher Sicht noch möglich ist , an einer der Arbeitstherapien teilzunehmen. Sei es nun in der Landwirtschaft, der Hauswirtschaft oder im Garten. Zunächst wird dem Bewohner, je nach Interesse und Neigung, eine kleine Aufgabe unter Anleitung zugeteilt, wenn der Bewohner daran gefallen findet kann diese Aufgabe nach Wunsch auch ausgeweitet werden. Wichtig ist es, dass der Bewohner nicht überfordert, aber auch nicht unterfordert wird, da er sonst schnell die Lust verliert und sich wieder zurück in sein Schneckenhaus verzieht. Aufgrund ihres Lebenswandels sind viele Alkoholiker Einzelgänger, diesen Punkt gilt es auch besonders in der Arbeitstherapie zu beachten, da sonst bei Gruppenaktivitäten immer wieder Ärger auftreten würde. Bei der Durchführung der Arbeitstherapie ist es ganz wichtig, dass der Bewohner sich der Bedeutung seiner Aufgabe bewusst ist, also merkt das die Arbeit nicht nur für in initiiert wird. Das erreichen wir z. B. dadurch, dass der Bewohner Seite an Seite mit dem betreffenden Mitarbeiter arbeitet und sieht, dass hier etwas sinnvolles durchgeführt wird, das beiden Seiten Spaß macht und auch noch von Nutzen für die Allgemeinheit ist. Verschüttete Aktivitäten beim Bewohner werden wiederentdeckt und belebt; was sie einmal gekonnt haben sollen sie so eigenständig wie möglich wieder durchführen.

Weitere positive Aspekte dabei sind: man kommt miteinander ins Gespräch, man entwickelt soziale Kontakte und Pflichtgefühl, man schult die Konzentrationsfähigkeit und auch die Ausdauer. Es entsteht auch ein gewisses Vertrauensverhältnis zu den Mitarbeitern in diesem bestimmten Bereich. Es entwickelt sich ein intensiver sozialer Kontakt, der auch für die gesamte Arbeit in der Einrichtung sehr wichtig ist. Man erfährt oft Dinge, die man in einem ganz normalen Gespräch nicht erfahren würde, die man aber wieder für die weitere Arbeit nutzen kann.

Natürlich bekommen Bewohner, die “produktive Arbeit“ leisten auch eine Art Entlohnung. Diese findet nicht in Form von Bargeldauszahlung statt, da aus Erfahrungen der Vergangenheit leider gesagt werden muss, dass ein zu hoher Bargeldbetrag das Suchtpotential bei einigen Betroffenen wieder erhöht bzw. eine parallel Sucht auftreten kann wie z.B. hoher Nikotingenus, Kaufrausch usw. Deshalb sind wir dazu übergegangen das Geleistete in Form von „Naturalien“ wie z.B. Kioskartikel, Gutscheine für Friseur, Fußpflege, Ausflüge, ... zu vergüten. Daraus ergibt sich gleichzeitig ein positiver Nebeneffekt der Motivation, da viele Bewohner mit ihrem geringen Barbetrag nur wenig Geld für Sonderausgaben zur Verfügung haben.